Hey, alte Arschbacke, alles fit? Ich kochte mir gestern auch wieder Würstle. (1)

Liebe Genossinen und Genossen, liebe Hunde und Kätzchen,

es ist nicht leicht, sich dem gewaltigen Eventcharakter des heutigen Tages ganz zu entziehen. Ihr alle werdet meinen, aus den unterschiedlichsten Gründen auf der Straße sein, doch wie vielfältig, knallig und „bunt“ eure Anliegen am heutigen Tag vertreten sein mögen, letztlich kulminiert das Besondere im Allgemeinen: In der Aversion eines altbackenen Rechtsradikalismus, wie er schon vor mehr als einem halben Jahrhundert vorzufinden war und sich auch heute wieder in Form eines menschenverachtenden Naziaufmarsches in Schweinfurt gebiert. So weit so schlecht. Die Wütenden halten es für unerlässlich die bürgerliche Realität am Schopfe zu packen und sie in Schulhofmanier zu verprügeln. Als Kommunist_innen müssen wir an der Notwenigkeit einer Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen mitsamt ihren irrationalen Erscheinungsformen festhalten. Dies macht es unabdingbar eine Liaison mit der Suprematie „volksvertretender“ Institutionen in Gestalt von Parteien und Gewerkschaften a priori zu quittieren. Jeglicher Jesuitismus ist dazu verdammt, den Zweck – den unabdingbaren Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse – durch die eingesetzten Mittel noch weiter aufzuschieben.
Im folgenden Text versuchen wir den Widerspruch einer vorgeblichen Radikalität weiter zu erläutern und wieso wir es für unmöglich halten, die „wahre“ Kritik sein zu lassen. Aufgrund dieses angeblichen Gegensatzes, den die Antifa zum Existenzial aufbläst, wird die beanspruchte Radikalität zugunsten der Volksfront gegen Rechts immer wieder wie eine leere Hülle fallengelassen (2). Im weiteren nehmen wir eine größere Unbeliebtheit wohlwollend in Kauf, wenn wir in Anbetracht dessen davon ausgehen können, dass unsere Anliegen von einzelnen verständnisvollen undogmatischen Freund_innen aufgegriffen werden.

„Schweinfurt ist Bunt“

Dass nun Schweinfurt bunt ist – sofern die verschiedenen Grautöne einer durch Bilder projizierten gesellschaftlichen Vielfalt als bunt bezeichnet werden können – mögen wir vorerst nicht abstreiten. Die Tatsache ist, dass die Unterfränkische Provinz kaum Nazis auf der Landkarte zu verzeichnen hat, geht nicht nur aus dem kürzlich erschienen Verfassungsschutzbericht Bayern 2009 hervor. Fakt 
ist, dass man sich eben – nicht wie in anderen Weiten dieser schrecklich öden Republik – „frei 
bewegen“ kann, ohne Angst haben zu müssen, von Faschist_innen gewaltvolle Repressalien 
erleiden zu müssen. Doch diese freiwillige Machtinszenierung der Zivilgesellschaft, die sich ohne Scham für eine Demokratie und gegen jeden Extremismus positioniert, scheint ohne Grenzen zu sein. Warum auch nicht? In einer Welt, in der man nur ein Recht auf Leben hat, insofern man seine Ware Arbeitskraft zu Markte tragen kann (3), gibt es nur seltenst Widersprüche, die öffentlich als diese entlarvt werden und auch dann nicht kritisch thematisiert werden können. Die Mängel liegen viel zu tief, als sie in in dieser Kürze beschreiben zu können (sofern noch die Zeit neben der Lohnarbeit gefunden wird, sich mit den Widersprüchen überhaupt zu beschäftigen oder sie gar zu kritisieren). Das was üblicherweise als „Kritik“ firmiert, mutet nicht selten so beschämend an, wie Stammtischpöbeleien gegen eine Partei. Wie bereits die Genoss_innen der Antideutschen Kommunisten Berlin (ADK) richtig feststellten: „Das Dilemma, in dem wir stecken ist folgendes: Die einzige richtige Praxis momentan wäre die Aneignung und völlige Umgestaltung des Produktionsapparates. Die aber, die dies tun könnten sind so schwach, daß sie sich psychologisch mit dem Aggressor verbünden müssen. Sie hängen dem Unheil noch mehr an als die Verfügenden selbst. Horkheimer sagte deshalb einmal, daß man um so verzweifelter am Kommunismus festhalten müsse, je unmöglicher er sei. Selbst die Deutschen benötigen den Kommunismus, auch dann, wenn sie alles totschlagen, was auch nur entfernt nach Glück riecht.“ (4)
Des weiteren ist ein Bündnis in Schweinfurt realisiert worden, welches durch seine zahlenmäßige Überlegenheit, sowie seines thematischen Surrogats zu jeglicher tiefgreifenden Gesellschaftskritik, keinerlei Hilfe antifaschistischer Organisationen bedarf. Dies gesteht sich die Antifa jedoch noch lange nicht ein. (5) Die Massenmobilisierung auf die sie setzt, schafft schon seit langem auch ein „bürgerliches Bündnis“ (6). Deren Ausbleiben war eben lange Zeit die vorzeigbare Existenzberechtigung einer Antifa.

Das große Rennen

Während die Formel 1 es schafft ihre Event-Veranstaltung immerhin mit Live-Übertragung auf RTL zu präsentieren, werden die örtlichen Politiker_innen in Schweinfurt zu diesem eher anödenden Event versuchen – möglichst effektiv – mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem sie gegen Neonazis grölen. Das Fest der Demokratie, in der die Demonstration mündet, wird die Bühne für amtierende und kommende Politiker_innen sein, um medienwirksam für die Partei die Werbetrommel zu rühren. Die Lobpreisungen einer unvorstellbar großen Scheiße, die sogenannten Werte der Demokratie, die sich im Jubiläumsjahr 2009 auf die Freiheit konzentrierten, und der perfiden Floskel, dass man aus Auschwitz gelernt habe, Tribut zollten, werden wohl wie jedes Jahr, nur in modifizierter Version, an diesem Tag zur Geltung kommen. Welche_r Politiker_in das große Rennen der Demokratie dann schlussendlich macht, wird sich in der Tagesschau am Abend herausstellen. Ein Event, dessen Voraussage ebenso spannend ist, wie die nächsten Jahrzehnte der Lohnarbeit.

Wie die Unbegreiflichkeit einer Uhr, die sich rückwärts dreht

Die Antifa, ein Phänomen, das nur aus den Autonomen-Bewegungen, der 80er und frühen 90er zu verstehen ist, möchte aber schon lange nichts mehr von einer radikalen Lebenspraxis hören (7). Haben die Autonomen in ihren (wenn auch meist regressiven) Aktionen noch den Versuch einer Alltagspraxis an den Tag gelegt, endet der Job der Antifa mit dem Ablegen der Sonnenbrille auf dem Nachtschränkchen. Der Unterschied zwischen der Antifa und den bürgerlichen Apologeten der Demokratie ist lediglich, dass erste auch mit militanten Mitteln ihrem Anliegen nachkommen. Nur selten knüpfen aus den Reihen des autonomen Antifaschismus manche, allerdings zu anderer Stunde, an eine grundlegende Gesellschaftskritik an, die nicht nur mit hohlen Phrasen die bestehende Gesellschaft angreifen möchte. An dieser Stelle borgen wir uns abermals eines längerem Zitats der ADK: „Das Problem der [Antifa; A.d.V.] ist, daß sie nichts von Marx wissen will. In Deutschland ist dies nicht neu, schon das, was unter dem Namen Neue Linke firmierte, war, von einem kurzen Aufblitzen Ende der 60er Jahre abgesehen, antimarxistisch und dafür um so ökobewegter. Nicht so in Italien und Frankreich. Dort gab es Arbeiterstreiks, die das Kapital nicht so leicht wegstecken konnte wie die Lieder und Sitzblockaden deutscher Linker. In Italien gab es in den 70er Jahren eine große undogmatische marxistische Linke, die Autonomia Operaia. Von dieser mußte sich die heutige Linke lösen, damit sie statt Revolution den zivilen Ungehorsam predigen konnte.“ (8)
Wenn also eine Antifaschistische Aktion und, um hier auch gleich das Kind beim Namen zu nennen, die Antifa Schweinfurt, sich einreiht in eine Demonstration, die von DGB und anderen obskuren Konsorten angeführt wird, spricht diese nicht von einer kommunistischen Assoziation oder einer Negation des Bestehenden und ist nicht in der Lage eine Kritik am historischen Projekt des Nominalsozialismus zu üben. Sie sprechen vom Kapitalverhältnis, das sie nicht verstehen. Einfach gesagt: weil sie es nicht wollen. „Erfahrungen will man nicht machen, wofern man sie überhaupt machen kann“ (Adorno. Marginalien zu Theorie und Praxis). Die hohlen Phrasen von einer „gerechte[n] Gesellschaft, in der die Produktionsmittel in den Händen aller sind und in der für die Bedürfnisse der Menschen produziert wird,“ (9) sind nur Postulate, die mit keiner kritischen Einsicht korrespondieren.
Schon Karl Marx stellt sich der problematischen Begrifflichkeit einer „gerechten Verteilung“ in seiner Kritik des Gothaer Programms und formulierte folgendes:

„Was ist „gerechte“ Verteilung? Behaupten die Bourgeois nicht, daß die heutige Verteilung „gerecht“ ist? Und ist sie in der Tat nicht die einzige „gerechte“ Verteilung auf Grundlage der heutigen Produktionsweise? Werden die ökonomischen Verhältnisse durch Rechtsbegriffe geregelt, oder entspringen nicht umgekehrt die Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen? Haben nicht auch die sozialistischen Sektierer die verschiedensten Vorstellungen über „gerechte“ Verteilung? (10)

Die Gewerkschaft

Der DGB, der größte Dachverband der deutschen Gewerkschaften wurde am 12. Oktober 1949 in München gegründet und hatte 16 Mitgliedsgewerkschaften, 1978 schloss sich ebenso die Gewerkschaft der Polizei (GdP) diesem an. Es handelt sich also um die Interessenvertretung, der wohl der größte Hass gebührt, den der Antifaschist, abgesehen von seiner Feindseligkeit gegenüber den Nazis, aufbringen kann (11). Nichts desto trotz sieht die Antifa darin keine Probleme mit dieser gegen die Nazis zu kollaborieren. Nicht nur hier wird der voluntaristische und nicht ernst zu nehmende Grad an Vorstellung von einem besseren Leben flagrant, sodass man sich den radikalen Konsequenzen verweigert und systematisch eine Bündnisfähigkeit aufrechterhält, um seine eigene Politik – die dazu noch nicht einmal Erfolg hat – durchzusetzen.
Nun wollen wir auf das Wesen der Gewerkschaften eingehen. Diese haben seither, wenn auch unwissentlich, nicht nur die Aufgabe, für die – wenn überhaupt vorhanden – vertraglich geregelten Ansprüche einzutreten, sondern auch die Konsumbereitschaft zu konservieren. So ist die alleinige Forderung nach mehr Lohn ohne dem Ziel der Abschaffung des Lohnsystems sicherlich in einzelnen Fällen sehr schön, denn so lässt es sich leichter in den hiesigen Verhältnissen ausharren, jedoch besteht erst gar nicht die Bereitschaft die Knechtschaft verlassen zu wollen. Der „gewerkschaftliche Kampf“ und die Aufgabe der Jugendorganisation – die Förderung politischer Bildung – ist nicht einem radikalen Klassenbewusstsein entsprungen, sondern die Proletarisierten legen schon jedes aufkommende Unbehagen in die Hände der Vertreter_innen, statt eine Selbsttätigkeit zu entwickeln und sich in wilden Streiks mit dem Feind – den bürgerlichen Verhältnissen – zu messen. Der Versuch ein Bewusstsein zu bilden, muss daher über einen anderen Weg vollzogen werden. Ein gewerkschaftlicher Streik, ist kein revolutionäres Anliegen die Welt grundlegend – und darin besteht die Notwendigkeit – zu verändern, sondern lediglich über bessere Bedingungen im Betrieb mit den Arbeitskraftnehmenden zu verhandeln. Hier entpuppt sich die radikale Physiognomie gewerkschaftlicher Proteste als bloße Pseudoradikalität, welche nicht nur antinomisch einer wahrhaft radikalen Praxis gegenübersteht, sondern deren Restitution durch Ursupation jeglichen revolutionären Begehrens gänzlich verhindert. Die gewerkschaftlichen Zusammenschlüsse regeln somit nur ein lebenslängliches Dasein im Ausbeutungsverhältnis. Sie sind dazu da, den Arbeitslohn zu erhalten und zu erhöhen. Die Gewerkschaft nimmt der einzelnen Arbeiter_in das Aushandeln des Lohns ab, indem sie zyklisch „Lohnanpassungen“ organisiert. Um Arbeitsbedingungen und soziale Absicherung kümmert sich der Staat mit Gesetzgebungen und Verordnungen. Die Gewerkschaften haben das Recht auf Mitbestimmung. Sie sind aber der Arbeiterklasse nicht von außen oktroyiert, sondern entsprechen der Hoffnung der Arbeiter_innen, sich unter den gegebenen Verhältnissen irgendwie absichern zu können. Sie sind die eine Seite des inneren Widerspruchs in der Klasse: einerseits ist sie Teil des Kapitals, produziert das Kapital, andererseits hasst sie potenziell die Arbeit und könnte der gefährlichste Feind des Kapitals sein. In diesem Widerspruch bewegt sich jede einzelne Arbeiter_in, aber er drückt sich auch als spektakuläre Spaltung der Arbeiterklasse in Schichten aus. Diese verschiedenen Schichten haben unterschiedliche ideologische Möglichkeiten, sich in der Ausbeutung einzurichten, sie erträglich zu finden. Da der Klassenkampf auf reine Lohnfragen – und für nichts anderes können Gewerkschaften auch ihrem Wesen nach einstehen – reduziert wird, gibt es die Möglichkeit einer Verrechtlichung. Die Sozialpartnerschaft von Gewerkschaft und Staat in Deutschland ist ein Erbe der Volksgemeinschaft. Alle anderen Fragen – die existenziellen Probleme des Klassenkampfs – sind in Rechtsfragen verwandelt worden. D.h. sie sollen keine Themen des Klassenkampfs, sondern der politischen Einflussnahme des vereinzelten Staatsbürgers im Rahmen der Demokratie sein. Und die Gewerkschaften tun das Ihrige, um diese »Enteignung« des Klassenkampfs zu unterstützen.
Und nur wenn die Gewerkschaften selber Streiks führen, können sie diese wichtigste Waffe des Arbeiter_innenkampfs kontrollieren und ihr die Schärfe nehmen. Die gewerkschaftliche Mobilisierung verhindert die Selbsttätigkeit der Klasse: »Anarchie und Chaos« müssen verhindert werden, sonst gibt’s keine Garantie dafür, dass eine Einigung zustande kommt und alles in den altbewährten und geordneten Bahnen weiterläuft. Deshalb wird delegiert und geregelt, die Masse wird manövriert, Kontakte unter den Streikenden und zu anderen Betrieben laufen über gewerkschaftliche Funktionäre. Gefahr für das automatische Subjekt der Wertverwertung mitsamt seiner mannigfaltigen und in Wirklichkeit von Menschenhand geführten Institutionen tritt erst dann in Erscheinung, wenn die Arbeiter_innen den Kampf selbst in die Hand nehmen und sich um die Interessen ihres Feindes einen Dreck scheren. Wilde Streiks sind schon rechtlich illegalisiert, ein »Streikrecht« hat nur die staatlich anerkannte Gewerkschaft. Aus dieser Perspektive müssen wir für autonome kommunistische Arbeiter_innenzusammenschlüsse kämpfen, deren Anliegen die Formulierung einer Kritik ist, deren letztlich praktische Umsetzung sich der bewusst taktischen Kontrolle und Lenkung seitens des Staats entzieht. Sich mit Gewerkschaft und Co darauf einzulassen einen gemeinsamen Kampf zu führen, ist Verrat an der Revolution. Unsere Waffe ist die Kritik, die es zu schärfen gilt und nicht einer Gewerkschaftsdemonstration nachzudackeln, um schlussendlich auf dem Fest der Demokratie zu landen. Wir wollen damit alle „vernünftigen“ oder besser: unvernünftigen, d.h. die sich der herrschenden gesellschaftlichen Logik entziehenden Proletarisierten ansprechen, die sich nicht dem nationalen Taumel anschließen und in Gegnerschaft zu den gewerkschaftlichen und staatlichen Institutionen befinden.

Die Notwendigkeit der Organisation einer Kritik

Wir blasen 365 Tage im Jahr Trübsal, das Leben schenkt uns nichts, die Arbeit macht uns K.O. und wir können uns scheinbar nicht wehren. Wir können nur wahllos wählen und haben keine Verfügung über das wahre Leben, denn dies vermeidlich „wahre“ Leben innerhalb der fetischisierten Gesellschaft ist nicht mehr als ein Warenleben. Was ist das für ein „Leben“, in der das pure Glück über Not und Elend entscheidet? Ob man ein Leben zu führen sucht vor gefüllten Schaufenstern, deren Waren man eigentlich gar nicht besitzen mag oder den weißen Mann aus Europa um ein paar Brotreste bitten muss? Bereits in jungen Jahren werden wir mit einer Fülle von Scheiße konfrontiert, die sich Schule nennt und den Anfang der Verwertungsmaschinerie bildet. Jede_r scheint es zu kennen, aber niemand sich zu wehren. Etwas länger wollen wir daher Raoul Vaneigem zu Wort kommen lassen, der uns zur Einsicht kommen lässt, nicht zu verzweifeln, trotz der Herrschaft der Langweile:
„Zur festgesetzten Zeit und Stunde verlassen sie die Büros, die Werkstätten und die Ladentische, um sich im gleichen Takt der Bewegungen in eine abgemessene, verbuchte Zeit zu stürzen. Stück für Stück wird diese Zeit mit Namen beschriftet, die wie Fläschchen klingen, die man fröhlich öffnet: Wochenende, Urlaub, Feier, Ruhe, Freizeit, Ferien. So sehen die Freiheiten aus, die ihnen die Arbeit bezahlt und die sie mit ihrer Arbeit bezahlen. Mit großer Sorgfalt üben sie die Kunst, der Langeweile Farbe aufzutragen, indem sie die Leidenschaft am Preis der Exotik, eines Liters Alkohol, eines Gramms Kokain, der Ausschweifung, der politischen Auseinandersetzung messen. Mit versiert-stumpfem Auge beobachten sie die kurzlebigen Notierungen der Mode, die von Rabatt zu Rabatt den Absatz der Sonderangebote kanalisiert: Kleider, Fertiggerichte, Ideologien, Ereignisse und die Stars auf dem Gebiet des Sports, der Kultur, der Wahlen, des Verbrechens, des Journalismus und der Geschäfte, die das Interesse an alldem wachhalten.
Sie glauben ein Leben zu führen, aber das Leben führt sie durch die nicht enden wollenden Hallen einer alles umfassenden Fabrik. Ob sie lesen, basteln, schlafen, reisen, meditieren oder vögeln, sie gehorchen fast immer dem alten Reflex, der jeden Arbeitstag hindurch die Führung hat.
Macht und Profit halten die Fäden in der Hand. Sind die Nerven rechts überspannt? Sie entspannen sich links, und die Maschine springt wieder an. Eine Belanglosigkeit ist in der Lage, sie über das Untröstliche hinwegzutrösten. Nicht ohne Grund haben sie jahrhundertelang unter dem Namen Gott einen Sklavenhändler verehrt, der nur einen von sieben Tagen zum Ausruhen zugestand und darüberhinaus verlangte, daß dieser seinem Lobgesang gewidmet sei.
Und dennoch fühlen sie, wissen sie am Sonntagnachmittag, so gegen vier Uhr, daß sie verloren sind, daß sie, wie in der Woche, das Beste von sich in der Morgendämmerung zurückgelassen haben, daß sie nicht aufgehört haben zu arbeiten.“ (12)
Statt sich dieser Trostlosigkeit einer permanenten Langeweile bewusst zu machen, laufen wir weiter umher und suchen nach Antworten, wo doch erst einmal die richtigen Fragen zu stellen wären. Wir werden kämpfen müssen. Die Organisation der Kritik sollte uns am Herzen liegen, um die Situation herbeiführen zu können, die endlich eine Perspektive des glücklichen Lebens ermöglicht, das wir doch so sehr erhoffen. Doch auch eine Anleitung, ein allumfassendes Handbuch fehlt uns. Wenn man uns dies zur Schwäche vorhalten will, muss man antworten, dass daran noch unsere Stärke liegt. Das Projekt darf nicht als gescheitert betrachtet werden ohne tatsächliche Diskussionen geführt zu haben. Aber oft fehlt Zeit, fehlt Mut. Doch liegt die Möglichkeit des Besseren – der Exemtion von gesellschaftlichen Zwängen – allein darin, sich an das Projekt der radikalen kommunistischen Aufklärung zu machen, deren unhintergehbare Voraussetzung eine ex negativo formulierte Kritik ist, die sich nicht auf die doktrinäre Konkurrenz des Marktes der Ideologien einlässt. Wie dieses Projekt ansatzweise heute aussehen könnte, brachten Genoss_innen des Mopsorden Dresden richtig auf den Punkt: „Um Handlungsfähigkeit im Sinne von Intervention oder gar einer revolutionären Formierung kann es uns ganz bestimmt nicht gehen, aber wohl um die Organisation der Kritik und überhaupt um die Herstellung von Verbindlichkeit. Ansonsten werden unsere Belange immer in einer unklaren Beliebigkeit verharren und als Hobby irgendwann neben Tanzkursen und Waldspaziergängen verschwinden.“ (13) Mit diesen wohl wahren Worten wollen wir es belassen und den „kollektiven Kritiker“ als Notwendigkeit der menschlichen Emanzipation vorausschicken.

Und zur Bedienung dieses Events…

… möchten wir nur kurz etwas loswerden: „Was können Linke in so einer verfahrenen Situation tun? Sie sollten eine intellektuell Avantgarde sein.“ (14) Und damit gaben die toten Antideutschen Kommunisten Berlin auch schon die exakte Antwort auf eine Frage, die man ihnen nie stellte. Das was die Linke hier macht ist eben nichts, als lächerliches Phrasenschwingen. Deswegen werden wir an dieser Stelle den Text nicht mit den Worten: „Für den Kommunismus“ beenden, denn diesem Begriff müsste erst einmal einer genauere Untersuchung vorausgehen. Lasst uns dort anfangen!


gez. die wütenden. (15)
Mit Unterstützung des Mopsorden Dresden & groupe sous les pavés

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(1) Goethe | Faust I
(2) Noch dazu liegt gerade im postnazistischen Deutschland eine besondere Konstellation zwischen Demokrat_innen und Nazis vor, was zu entfalten für das Anliegen des Textes allerdings zu viel wäre.
(3) Wenn man überhaupt noch aus irgendwelchen Gründen die Möglichkeit besitzt, seine Ware anzubieten.
(4) ADK | Flugblatt | Bunt macht Braun
(5) Wir reden absichtlich von „dem Antifa“ in der männlichen Form, die für den deutschen Sprachgebrauch vorgesehen ist und Frauen benachteiligt, jedoch nehmen wir an von einem stereotypischen Antifaschisten auszugehen, der ohnehin keine Männerbündelei und Militanzfetisch innerhalb der eigenen Reihen sieht und Status Quo reproduziert. An anderer Stelle nutzen wir den Unterstrich (_) um auch Frauen, Trans, etc. nicht auszuschließen zu müssen.
(6) Das Bündnis hat sich bereits Wochen vor einem Antifa-Bündnis medienwirksam in Szene gesetzt und besteht unter anderem aus: VDK, MLPD, DKP, DGB, geno-net und Pur Party Schweinfurt
(7) Um das zu verstehen, was sich in Deutschland als „Linke“ firmiert hat, reicht es natürlich nicht aus, lediglich auf die Autonomen-Bewegungen einzugehen, auch ihre anderen ideologischen Vorgänger, wie die 68er, Spontis und die K-Gruppen sollten in der Kritik der Geschichte eine Rolle spielen, wenn man begreifen will, was die Antifa ist.
(8) ADK | Flugblatt | Bunt macht Braun
(9) Antifabündnis Schweinfurt | Aufruf | Frei statt Netz Süd
(10) MEW 19, S.18
(11) Wir sind uns über eine besondere Rolle des/r Polizist_in bewusst, wollen diese jedoch ,aufgrund von Platzmangel, nicht weiter thematisieren.
(12) Raoul Vaneigem – An die Lebenden! Eine Streitschrift gegen die Welt der Ökonomie
(13) Wir danken den Genoss_innen aus Dresden für die munter machenden und wahren Worte.
(14) ADK
(15) Wer etwas zur Entstehung der Maifeier wissen möchte, sollte mal bei Rosa Luxemburg nachlesen. Sie schrieb darüber bereits im Februar 1894: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1894/02/maifeier.htm